Vorträge

Hier findet ihr die Übersicht der Vorträge- und Diskussionsveranstaltungen auf dem Antifa-Wochenende 2018.


Back to the Future: 10 Jahre Autonome Antifa-Koordination Kiel – Entstehung, Entwicklungen und Perspektiven

Freitag, 14. September | 19.30 Uhr

Vor zehn Jahren, im Mai 2008, gründete sich die Autonome Antifa-Koordination Kiel mit dem Anspruch, Plattform der öffentlichen Antifa-Aktivitäten von Gruppen, Zusammenhängen und Personen aus der autonomen radikalen Linken in der Landeshauptstadt zu sein. Vorangegangen war ein Erstarken der Kieler Neonaziszene, was sich in einem aktiven NPD-Wahlkampf im Rahmen der Kommunalwahl 2008, einer Serie von Nazigewalt gegen linke Projekte und Aktivist_innen und der wahrnehmbaren Entstehung rechter Aktionsgruppen ausdrückte. In Reaktion darauf wurde mit der Autonomen Antifa-Koordination eine handlungsfähige Organisationstruktur ins Leben gerufen, die in der Lage war, auf die wiederkehrenden spontanen und unangekündigten Aktivitäten von Neonazis im ganzen Stadtgebiet entweder präventiv, direkt oder nachträglich flexibel zu reagieren und die dazu beitragen konnte, dass dem selbstbewussten Aktivismus von Kieler Neonazis vor allem in den Jahren 2008 – 2010 letztendlich die Puste ausging.

Auch in den folgenden Jahren beackerte man vornehmlich die klassischen Antifa-Felder: Mobilisierungen gegen Nazi-Events in Kiel, Lübeck, Hamburg oder Neumünster, das Aufdecken lokaler rechter Infrastrukturen und in den letzten Jahren verstärkte Interventionen gegen rassistische Mobilisierungen von alten und neuen Akteuren der hiesigen Rechten. Einen aktuellen Schwerpunkt bildet dabei der Kampf gegen die AfD, die vor allem im Zuge verschiedener Wahlkämpfe ihre Präsenz in der Öffentlichkeit immer weiter auszubauen versucht und wie im bundesweiten Trend auch in Schleswig-Holstein Wahlkampferfolge verbuchen konnte. Dennoch haben antifaschistische Aktionen immer wieder erfolgreich in den Wahlkampf der chauvinistischen Partei interveniert und durch gezielte Raumnahme deren Spielraum stark eingeschränkt. Mit Blick über den Antifa-Tellerrand werden regelmäßig lokale antirassistische, antikapitalistische, antimilitaristische und internationalistische Initiativen wie etwa in Solidarität mit dem revolutionären Aufbau in Kurdistan unterstützt.

Gleichzeitig haben sich die Bedingungen für antifaschistische Arbeit in diesen zehn Jahren auf verschiedenen Ebenen stark verändert. Sind weite Teile der klassischen Nazistrukturen im Laufe der Zeit zerfallen oder in der Inaktivität verschwunden, sind wir aktuell europaweit mit einem Rechtsruck von Gesellschaft und Staat konfrontiert, der die Krisenhaftigkeit des neoliberalen Kapitalismus autoritär zu beantworten versucht. Dem langen Sommer der Migration und antirassistischer Solidaritätsarbeit stehen ein wachsender Rassismus der Mitte, Asylrechtsverschärfungen und eine Ausweitung rassistischer Diskurse gegenüber. Teilweise in Reaktion auf diese Entwicklungen haben sich in den letzten fünf Jahren bundesweit Antifa-Gruppen aufgelöst bzw. umorientiert. Einerseits um den Fokus verstärkt auf die soziale Frage und eine progressive gesellschaftliche Intervention zu setzen, anderseits sind diese Entwicklungen aber auch ein Ausdruck einer Krise der radikalen Linken, die keine passenden Antworten auf die neu aufgeworfenen Herausforderungen bieten konnte.

Diese verschiedenen Punkte zusammenbringend, wird die Veranstaltung zehn Jahre Autonome Antifa-Koordination Revue passieren lassen und fragen, welche verschiedene Phasen unterschiedlicher Herausforderungen und (Gegen-)Strategien es aus antifaschistischer Perspektive in Kiel gab und gibt. Darüber hinaus wollen wir gemeinsam die Fragen diskutieren, welche Aufgaben Antifa-Gruppen im Jahre 2018 in Zeiten von Rechtsruck und autoritärer Formierung von Gesellschaft und Staat im Allgemeinen und vor dem Hintergrund der lokalen Verhältnisse in Kiel im Speziellen haben und wie diese gelöst werden können.

 


Räte gegen den Rat, Pläne gegen den Plan: Perspektiven auf die radikale Selbstorganisation des Proletariats mit Felix Klopotek

Samstag, 15. September | 19 Uhr

Über die Rolle der Räte in der deutschen Novemberrevolution ist viel gerätselt worden: Markierten sie den Übergang in das parlamentarische System (nicht mehr, aber auch nicht weniger)? Waren sie bloß ein Irrläufer der hiesigen Demokratiegeschichte? Oder bargen sie ein Potential, das auf eine andere Republik verwies: die sozialistische? Den meisten Antworten merkt man das jeweilige parteipolitische Interesse an. Eine konsequente Aufarbeitung der europäischen Räterevolutionen in den Jahren nach 1917 fand tatsächlich nur an den Rändern der Arbeiter*innenbewegung statt: im rätekommunistischen Milieu. Die staatstragende Rolle der Sozialdemokratie – bis an die Grenze zum Faschismus – und die terroristische Politik der Bolschewiki wurden hier im Zusammenhang mit der Herausbildung des Monopolkapitalismus diskutiert, der Sinn der Räte einzig als Instrument der Selbstbefreiung der Arbeiterinnen und Arbeiter erkannt. Die Schriften von Anton Pannekoek, Otto Rühle, Paul Mattick oder Willy Huhn sprechen nicht mehr direkt zu uns, der Rätekommunismus ist, spätestens seit den 1950er Jahren, eine historische Strömung. Aber seine Radikalität, mit der er die (bürgerlichen) Deformationen der Arbeiter*innenbewegung einer Analyse unterzog, bleibt unabgegolten. Dieses Nicht-Erfüllte zu bestimmen und damit auch einen etwas anderen Blick auf den November 1918 zu werfen, ist Ziel des Vortrags. »Auf tausend Kriege kommen nicht zehn Revolutionen; so schwer ist der aufrechte Gang. Und selbst wo sie gelungen waren, zeigten sich in der Regel die Bedrücker mehr ausgewechselt als abgeschafft.« (Ernst Bloch)